Im Finanzsektor wird viel spekuliert, aber nichts Materielles erzeugt.
Dabei ist Spekulation per se nichts Schlechtes – aber es gibt einige Phänomene in der Finanzszene, die ich hier kritisieren will.
Das Gute am Finanzsektor
Lasst mich als Erstes vorwegnehmen, dass wir etwas sehr Wichtiges vom Finanzsektor bekommen: Liquidität.
Vereinfacht gesagt kann auf jede Erwartung, dass die Umsetzung eines Projekts einen Mehrwert schafft, Geld aufgenommen werden, um das Projekt zu realisieren.
Das ist wunderbar.
Dies ermöglicht erst die Umsetzung richtig großer Projekte. Und genau diese Möglichkeit, plus die Fähigkeiten, solche Projekte zu koordinieren, ist das, was wir brauchen, um das nächste Level unserer Zivilisation zu erreichen.
Und genau da sind wir schon mit einem Fuß – aber mit dem anderen Fuß stecken wir irgendwo im Treibsand.
Hier will ich auf diesen Treibsand eingehen – Probleme, die ich sehe, die gegen unseren Fortschritt arbeiten.
Genauer: Phänomene innerhalb und um die Finanzbranche - in unserer Kultur - die eine eher destruktive Auswirkung haben.
Destruktive Phänomene
Also – sofort ins Zentrum des Hornissennests!
Verlust von Moral
Das schlimmste Phänomen ist der Verlust von Moral, oft in Form eines gewissen Nihilismus.
Einige Menschen nehmen eine Perspektive ein, bei der es im Leben um gar nichts mehr geht.
„Die Menschen sind dumm. Man kann ihnen nicht helfen – auch wenn man wollte.“
Also ist das Intelligenteste, was man machen kann: sich bereichern, um das Beste aus dem eigenen Leben zu machen.
YOLO mit „Nach mir die Sintflut“.
Was will man schon großartig aufbauen oder dafür sorgen, dass etwas besser wird? Kinder, Enkel? Ist doch unbequem und teuer.
Wir wollen reich sein – dann ist alles gut, dann liegt uns die Welt zu Füßen.
Wer viele Menschen aus der Finanzszene kennt, hatte wahrscheinlich schon Kontakt mit dieser Perspektive.
Man findet sie auch anderswo, auch in der Popkultur. Ich behaupte mal dreist: Sie breitet sich schon seit geraumer Zeit aus – und nach meiner Erfahrung findet man sie gehäuft in der Finanzszene.
Eventuell ist das der Primärherd der Infektion. Dann gibt es viele verschleppte Teilinfektionen.
Betrachtet man die Welt aus den Augen eines Menschen, der an Kursveränderungen und Investitionsdeals verdient und in erster Linie daran interessiert ist Geld zu verdienen, macht das Sinn.
Ganz generell entwickelt jeder Mensch sein Weltbild ja so weiter, dass er besser in seinem Umfeld funktioniert. Fehlt das Geld, kommen Existenzängste. Wird das Geld mehr, übernimmt schnell eine enthusiastische Gier die Kontrolle.
Moralvorstellungen würden einen eher behindern – und sind oft auch nur eine Ausrede für das eigene Versagen. Zumindest für diejenigen, die eben nicht reich werden, weil sie z.B. einer ehrlichen Arbeit nachgehen.
Es ist leichter, zu behaupten, dass etwas profitabel ist, als wirklich etwas Sicheres und Profitables zu finden.
Es ist leichter, Investoren zu finden, wenn die Gewinne größer und die Risiken gering wirken.
Es ist leichter, jemanden auszunutzen, der gerade in einer schlechten Lage ist, als demjenigen wirklich zu helfen.
Jeder will doch reich werden? Das ist doch der ultimative Parameter für Erfolg! Reichtum bedeutet doch auch Freiheit, oder?
Okay... Schluss damit.
Wenn man jetzt nicht gerade im Nihilismus sich allen Verantwortungen entzieht. Geht es ja schnell um was - wir sind ja nicht neutrales nichts im Vakkuum, wir sind Menschen unter Menschen.
Unsere eigene Weiterentwicklung ist uns doch wichtig - je größer wir unseren Betrachtungshorizont wählen, desto relevanter wird die Entwicklung der anderen Menschen für uns selbst. Betrachten wir den Horizont bis Ur-Ur-Enkel dann ist eher offensichtlich, wie wichtig es ist, dass wir uns als gesamte Menschheit gut weiterentwickeln.
Die Entscheidungen in der Finanzwelt haben direkte Auswirkungen darauf, welche Prozesse in der realen Welt fortschreiten – und welche weniger.
Wenn diese Entscheidungen zunehmend von gierigen Nihilisten getroffen werden, versiegt die generierte Liquidität in nutzloser Selbstbereicherung.
Der Zug zum unbegrenzten Fortschritt wird zu einem Negativbilanzspektakel nach dem Thema: Gier gegen Gier.
Also ich meine, diese fortschreitende Infektion der Amoralität ist das schlimmste Phänomen welches unserer Weiterentwicklung schadet.
Soweit so gut, nun, als Nächstes ein verwandtes, weit verbreitetes und oft unterschätztes Phänomen:
Marketing für Investoren
Betrachten wir die Idee von disruptiven Startups: Eine geniale Idee oder Technologie, welche die Welt verändern soll.
Sie eröffnet ein neues großes Wachstumsfeld – nur muss sie mit viel Kapital versorgt werden.
Hier scheint direkter Profit zweitrangig, primär scheint der Aufbau des Gesamtprojekts – im besten Fall bis zur ultimativen Monopolstellung im neuen Marktumfeld.
Das dauert. Eine lange Zeit, in der die Fantasie die Erwartungen beflügeln kann, ohne dass die Realität sie zerschmettert.
Nun kann man aber leicht den Eindruck erwecken, dass die geniale Idee oder Technologie bereits perfekt funktioniert, die Umsetzung quasi fertig ist und der Hype die Aktien explodieren lassen wird.
Klassisches Marketing – mit allen modernen Werkzeugen, die wir haben.
Das Ziel: Verkauf der Idee, Verkauf der Vision, Verkauf von hohen Profiterwartungen.
Marketing für Investoren.
Man könnte fast unterstellen: Mit dem Zweck, dass die früheren Investoren oder Gründer mit Gewinn frühzeitig aussteigen können.
Speziell dann, wenn den direkt Involvierten der tatsächliche Stand des Projekts bewusst ist und die Realität davon weniger gut aussieht.
Meist bleibt das im Bereich der plausiblen Abstreitbarkeit, wodurch auch wenige damit rechtliche Probleme bekommen.
Aber unabhängig von rechtlichen Konsequenzen:
So ein Verhalten unmoralisch und schädlich.
Das extremste Beispiel: Kryptowährungen.
Bestimmte VCs setzen diese Marketingstrategien erfolgreich ein, um exorbitante Gewinne zu ziehen – von naiven Kleinanlegern.
Die sind dann einfach „selbst Schuld“, weil sie sich vom Hype haben anstecken lassen.
Klagen? Schwer. Besonders wenn die VCs im Hintergrund niemandem bekannt sind, der nicht auch profitiert hat.
Striktere Regulierungen? Quasi unmöglich und somit nutzlos. Destruktiv, wenn es ehrliche Projekte behindert.
Komplizenschaft von Profiteuren
Gerade in Situationen, in denen keine weitreichenden rechtlichen Folgen zu erwarten sind und quasi jeder Involvierte profitiert, entsteht oft eine implizite Komplizenschaft.
Dies führt direkt dazu, dass sich Gruppen bilden, die grenz- bis vollkriminell handeln – in Grauzonen, wo Kontrollen fehlen.
Deren parasitäre Geschäfte funktionieren dann oft lange Zeit, ohne aufzufallen.
Ich glaube sogar, dass eine Vielzahl solcher halbkrimineller Schemen nie schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen.
Wo sich geschlossene Gruppen ohne Moralvorstellungen finden – geeint durch Gier, versiert in Finanzprodukten, Technik und Bürokratie, mit einem Hauch Kreativität – da sind solche Machenschaften nahezu unvermeidlich.
Skandale, Betrug und Korruption
Hier eine Liste bekannter Beispiele. Sie sprechen für sich. Besonders, weil eben nicht immer adequate Konsequenzen folgten:
- Cum-Ex Skandal
- Falsche Bewertungen - Finanzkrise 2008
- Theranos
- Madoff
- Wirecard
- Die Reale hintergrund Story von "Wolf of Wallstreet"
- Die Libor-Manipulation
- Enron-Skandal
- Die Greensill-Pleite
- Archegos-Kapitalverlust
- Peregrine Financial Group Betrug
- Wells Fargo Kontenskandal
- Der 1MDB-Skandal
- Der MF Global Zusammenbruch
- Der Toshiba-Bilanzskandal
- Die Deutsche Bank „Spiegel-Trades“ Affäre
- Die Swaps-Krise Griechenland
- Kurze Auflistung an Skandalen an denen Goldman Sachs beteiligt war
- Goldman Sachs weiterer Skandal...
- Der Nikola Motors Skandal
- Die Nikkei-LTCM-Krise
- Die Betrügerbande, die 600M € als Förderungen einkassierten
Ein sehr erwähnenswerter Skandal ohne negative rechtliche Konsequenzen: Die Klage von Hedgefonds gegen Argentinien
Dieses Verhalten ohne jeglichen Anstand – Profite rausziehen, wo auch immer es geht, nur weil man kann – ist Gift für die Wirtschaft und richtet immensen Schaden an.
Das Ausmass des Schadens
Die Geldbeträge, die veruntreut oder verloren gehen, sind nur die Spitze des Eisbergs.
Der eigentliche Schaden betrifft die Wirtschaft und Gesellschaft tiefer.
Menschen in der Realwirtschaft, die also „ehrlich“ arbeiten, sehen den Finanzsektor ohnehin skeptisch.
Jede dieser Geschichten bestätigt ihr Misstrauen und verstärkt die negative Haltung.
Das führt wiederum dazu, dass Menschen mit gesünderen Moralvorstellungen dem Finanzsektor tendenziell fernbleiben.
Wirtschaft basiert zum Großteil auf Vertrauen, das nur durch langfristig ehrliches Handeln entsteht. Auch ist es immens Hilfreich, wenn Optimismus und eine kollektive Mission des Aufbaus breit spürbar ist.
Fehlt dieses Gefühl, macht sich eher das Gefühl Lohnsklave zu sein breit.
Fokus und Effektivität leiden. Der Enthusiasmus zum Leben sinkt. Und eventuell träumt man davon, selbst einfach nur reich zu sein, ohne weiter arbeiten zu müssen, wenn man nur selbst so unmoralisch handeln könnte.
Fehlt das Vertrauen in die Märkte, stocken Investitionen. Versiegt die Liquidität zu sehr, müssen Staaten einspringen und sich zusätzlich verschulden – eine Verschuldung, die keine Zukunftsinvestition ist, sondern nur den Schaden durch Gier und Korruption abfedert.
Eine Last für alle. Ein Last für die Zukunft.
Der größte Schaden ist der Vertrauensverlust und die gesellschaftliche Spaltung. Das zusammen mit den weiteren Auswirkungen auf die Wirtschaft und den Staatshaushalt.
Was ich mit der Spaltung hier meine, wird meist eher als 2-Klassengesellschaft bezeichnet. Da es diese aber sowieso gibt, und die Klassen auch gut miteinander umgehen können, verwende ich die Worte "gesellschaftliche Spaltung", weil hier der Effekt, dass sich diese Klassen als Gegner sehen, das wirklich schädliche daran ist.
Die weniger wohlhabenden spüren schneller, wenn die Wirtschaft nicht gut funktioniert, haben aber nicht die Zügel in der Hand das zu korrigieren.
Intuitiv machen die Menschen die Reichen - die 1% - verantwortlich.
"Die Ungleichheit ist das Problem!"
Reine Ablenkung und die Diskussion um weitere Besteuerung ist auch nicht das Zweckmäßigste.
Wenn Finanzflüsse nicht mehr dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden, leidet die gesamte Wirtschaft und damit unser aller Lebensqualität.
Meine These: Zu starkes Missmanagement der Geldströme führt zu Stagflation.
Stagnierende Wirtschaft ist nicht einfach der Rückgang von Konsum.
Inflation ist nicht einfach wachsende Geldmenge.
Wir sehen ein Wirtschaftswachstum, wenn die Bevölkerung sich in Kreditkartenschulden begibt um weiter zu konsumieren. Das ist kein gesundes Wirtschaftswachstum.
Wenn die Wirtschaft wirklich funktioniert, dann steigt der Konsum, weil die Bevölkerung mehr Geld verdient.
Inflation is viel komplexer, ich wage aber zu behaupten, dass Materialkost und Energiekosten sehr relevant sind, hervorstellen will ich die Relevanz des Verhaltens der Menschen selbst.
Die Menschen bedienen den Markt von allen Seiten.
Im Optimalfall hätten wir: Wachsendes Geldvolumen + niedrige Inflation.
Mit der richtigen Portion Anstand, Vision und Optimismus wäre das erreichbar. Wir hätten alle Mittel dafür.
Nur: Viele lassen sich von Gier und Nihilismus blenden - oder ausschalten - und denken nicht einmal darüber nach, was eigentlich das Richtige wäre zu tun.
Und der Schaden wächst über Zeit, weil sich die destruktiven Phänomene immer weiter selbst verstärken.
Zusammengefasst:
- Gesellschaftsschaden Heute (Spaltung, Misstrauen)
- Wirtschaftsschaden Heute (Geld wird ineffizient genutzt)
- Gesellschaftsschaden Morgen (Desillusionierung der Menschen, Verdrängung gesunder Weltbilder)
- Wirtschaftsschaden Morgen (Beschädigtes Vertrauen, Nutzlose Staatsverschuldung -> Steuerdruck)
Das sieht jetzt alles richtig dunkel aus und ich will es nicht da belassen.
Bitte Weisheit statt Resignation und Hass!
Wir brauchen immer eine optimistische Perspektive, in der wir die Fehler von uns und anderen Menschen sehen und akzeptieren können, wir dennoch an den Fortschritt glauben.
Ein Hass gegenüber Menschen mit bestimmten Weltbildern, die wir als "schädlich" sehen, ist Teil des Schadens.
Lassen wir es bleiben mit Hass und Feindschaft - haben wir diesen Teil des Schadens schon ausgebessert. ;-)
Also diese Kritik sollte nicht als Angriff auf bestimmte Personen dienen, wie: "Du verhälst dich unmoralisch!"
Nein, die Kritik sollte uns als Menschen aufzeigen, wo wir uns falsch entwickeln.
Die Phänomene sind menschlich und entstehen auf natürliche Weise in diesem Umfeld. Und das Umfeld haben wir selbst aufgebaut.
Also wichtiger wäre, sich mit der Kritik auseinandersetzen - ist das wirklich so? Hat das wirklich genau diese Auswirkungen? In wiefern betrifft es mich selbst?
Wenn du diese Kritik ähnlich siehst, ist die generelle Frage sehr nützlich:
Was können wir tun? Bzw.: Was kann ich tun?
Was können wir tun?
Klar: Wir können unethisches Verhalten kritisieren – aber wir können es nicht direkt verhindern.
Das Wichtigste ist, selbst stark zu bleiben und den Sinn ethischen Handelns nicht zu vergessen.
Die Vision einer besseren Zukunft nicht zu verlieren.
Gesunde Weltbilder, die funktionieren, müssen bewahrt, ausgebaut und belohnt werden.
Ganz generell sollten wir unsere Systeme - das Umfeld - so anpassen, dass sich anständiges Handeln mehr lohnt als alles andere.
Wenn das Verhältnis zwischen Profit und Risiko stimmt, passen sich Verhalten und Weltbilder automatisch an.
Denn Menschen lernen, wie sie am besten in ihrer Umgebung funktionieren – und wenn sich Kriminalität nicht lohnt, schwindet sie.
Dorthin zu kommen ist schwierig – aber jeder Einzelne kann viel bewirken.
In Gesprächen und Umgang mit Anderen.
In der Art, wie man selbst Geld verdient – und wohin man es weitergibt.
In Ideen, wie man Finanzsysteme und die Entscheidungsfindungsprozesse korruptionsresistenter gestalten kann.
Diskussionen über Lösungen sind wichtig – ebenso wie Ausarbeitung und Realisierung konkreter Schritte.
Vielleicht sogar eine Lösung als Experiment in einer DAO implementieren?
Dabei müssen wir nicht zu radikal sein. Kleines unethisches Verhalten ist oft vernachlässigbar.
Nur wenn es sich zu sehr ausbreitet, wird es zum Problem – und ich denke, genau da sind wir schon seit längerem.
Wir müssen jetzt etwas tun.
Dieser Text ist ein Teil davon – sagt mir eure Meinung. Danke!